Jürgen Große
12.07.1962 - 15.08.2026↓ Nachruf von Lutz Henke mit Team „Urban Jürgen"
Seinen Spitznamen „Urban Jürgen“ hatte Jürgen Große sich schon längst verdient, als Mitte der Zweitausender „Streetart“ plötzlich medienwirksam „entdeckt“ wurde. Er konnte mit diesem Begriff nie etwas anfangen, sondern konzentrierte sich eher auf die weniger populären und subtileren Kunstformen im öffentlichen Raum. Kaum ein anderer war in den letzten Jahrzehnten so wichtig für die Berliner Graffiti-Szene wie er. Von den meisten unbemerkt, prägte Jürgen Große in den letzten 25 Jahren den Berliner Stadtraum, unsere Wahrnehmung und Sehgewohnheiten - mal als Stadtfotograf, mal als verborgener Unterstützer, mal als Bauleiter des neuen Panda-Geheges im Berliner Zoo.
„Jürgäään“ mit starker Betonung auf der zweiten Silbe mit langgezogenem „ä“, meldete er sich am Telefon, wenn irgendjemand ihn morgens um 5 Uhr anrief, weil ein Graffiti dokumentiert werden musste oder für ein hanebüchenes selbst beauftragtes Projekt im öffentlichen Raum Baumaterial fehlte. Der Zigarillo rauchende Bauleiter und Stadtfotograf mit der markanten Glatze war dann meistens längst wach, auf dem Weg zur Arbeit oder noch auf der Suche nach frischen Motiven. Die frühen Morgenstunden mochte er am liebsten, da hatte er die Stadt für sich.
In einer Kunst- und Graffiti-Welt, die leider viel zu oft auf Profilneurosen und Aufmerksamkeitsökonomie gegründet ist, gehörte er zu den eher verborgenen, bescheidenen Eckpfeilern. Er hatte ein Auge für das Ungewöhnliche und unterstützte die unbequemen, wenig gefallsüchtigen Positionen im öffentlichen Raum leidenschaftlich - nicht nur als Sammelnder, nicht nur als Galerist oder Künstler, sondern auch als enthusiastischer Chronist und vor allem als anpackender Bauprofi. Wer auch sonst könnte so viel Begeisterung und Verständnis für das rohe Berlin, seine gezielten und zufälligen städtischen Arrangements entwickeln, wie ein umtriebiger Bauleiter?
Als Jürgen 2002 seinen Projektraum „Urban Art Info“ eröffnete, sorgte das bei einigen durchaus auch für Skepsis: Mit vierzig Jahren war er damals wesentlich älter als die meisten aktiven Stadtgestalter*innen. Warum interessierte sich der Mann mit der Kamera für „Streichbombings“ und die jugendliche Subkultur? Warum riskierte er es, trotz stabilem Anstellungsverhältnis in der Baubranche, durch Tunnel zu kriechen, um Fotos von versteckten Tags und künstlerischen Interventionen zu machen?
Der Verdacht der Szene, er könne womöglich als verdeckter Ermittler für „die Gegenseite“ arbeiten, zerstreute sich aber schnell. Für einige wurde er sogar zu einer Vaterfigur, zum erwachsenen Problemlöser, der die Begeisterung für die ungeschliffenen Ecken und Kanten der Berliner Stadtlandschaft teilte. Mit seiner gelebten Praxis zwischen Arbeiter- Dayjob und fotografierendem Komplizen bei Nacht, löste „Urban Jürgen“ ganz nebenbei und sehr greifbar scheinbare Widersprüche auf: Illegalität und Kunstakademie, Baustellenmaterial und Galerie, Zufall und künstlerisches Werk waren nicht mehr unvereinbar. Unvergessen, wie Jürgen versuchte, auf der Brunnenstraße die farbigen Fußspuren zu kaschieren, die aus seiner Galerie direkt in die nahe Polizeiwache führten, in die ein Unbekannter einen Farbeimer geworfen hatte.
Mit einem großem Herz für Underdogs dokumentierte Jürgen Große scheinbar zufällige Kompositionen von Bauarbeitern, die er als eigenständige künstlerische Werke verstand und bewunderte. Parallel dazu fotografierte er als einer der ersten die illegalen Arbeiten heute weltberühmter Künstler*innen wie Banksy oder Swoon. In seinen Ausstellungsräumen in Mitte zeigte er verschrobene Ikonen wie den Künstler „Oz“, der seit den 1980er Jahren Hamburgs Stadtbild entscheidend prägte und jedes Establishment mied. Oft waren seine Räumlichkeiten wichtige Schaufenster für internationale Akteur*innen wie Blek Le Rat und Honet aus Frankreich, Influenza und Erosie aus den Niederlanden oder Adams und E.B. Itso aus Skandinavien. Besonders konnte er sich aber für die Berliner Writer*innen und Experimentierfreudigen begeistern.
Als Stadtfotograf mit Auge für das Absurde und Ungewöhnliche fotografierte er die Arbeiten in der freien Wildbahn und darüber hinaus so viel mehr von Brandwänden bis hin zu skurrilen Rohrleitungslandschaften. Viele dieser Motive finden sich schon in seinem ersten, großen Buch „Urban Art Photography“ von 2008, das als authentisches Zeitdokument zu einem Standardwerk wurde.
2005 fand im Rahmen der Ausstellung „Backjumps - The Live Issue #2“ auf dem Kreuzberger Mariannenplatz eines der wichtigsten Urban Art Projekte der Berliner Geschichte statt: Die „City of Names“ wurde errichtet. Damals wurde zum ersten Mal ein Großteil der sonst verborgenen aktiven Writer-Szene sichtbar, die ihre eigene Stadt aus Buchstaben baute. Es war nur angemessen, dass der wichtigste Platz (Endstation der Miniatur-U-Bahn-Linie) „Urban-Jürgen-Platz“ getauft wurde. Der Bauleiter war längst selbst zum Fundament geworden.
Jürgen war als bescheidener und oft wortkarger Unterstützer nie besonders sichtbar. Es wäre angemessen, ihm endlich auch im echten Berlin einen Platz zu widmen. Du wirst uns fehlen „Urban Jürgen“.
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Jürgen Große war unheilbar krank und hat sich entschieden, am 15.8.2026 zu gehen. Er hinterlässt seine Tochter, zahllose dankbare Künstlerinnen und Künstler, sein unvergleichliches eigenes Foto-Archiv sowie eine einzigartige Sammlung mit Werken internationaler Künstler*innen und Objekten aus dem Berliner Stadtraum.